Der Magie großer Zahlen kann sich kaum ein Berliner entziehen, und die
13. (dreizehnte!) Lange Nacht der Museen - gleich im doppelten Sinn
magisch - bietet ihm allen Anlass zu Stolz und Begeisterung. Die Berliner
Langen Nächte liegen damit weltweit an der Spitze aller Museums-, Kultur-,
Kunst-, Musik- und Literaturnächte. Platz zwei in dieser Wertung belegt übrigens
Kopenhagen mit der 10. Auflage seiner "Kulturnatten" im letzten Oktober.
Was macht eigentlich die wachsende Beliebtheit dieser nächtlichen Streifzüge
durch die Kulturtempel aus? Warum gefällt es den Leuten, hin und wieder in
der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag in Scharen an Bildern, Möbeln und
Dampfmaschinen vorbei zu flanieren, statt sich an einem Dienstagnachmittag
an den gleichen Orten fast ungestört und in Ruhe dem Kunst- oder Technikgenuss
hinzugeben? Wahrscheinlich gibt es darauf keine einfache Antwort.
Vielleicht ist es ja auch so ähnlich wie beim Fußball: Da ist auf der einen
Seite die Fernsehübertragung mit dem bequemen Sessel, den Großaufnahmen
und den Zeitlupenwiederholungen - auf der anderen das Stadion mit den
winzigen Feldspielern, dem unglücklichen Blickwinkel,
den 80 000 Menschen - aber mit der unbeschreiblichen Atmosphäre...
Wie dem auch sei, die Teilnehmer der 13. Langen Nacht haben
sich blendend auf den erneuten Ansturm der Besucherinnen
(sie sind immer noch in der Mehrheit!) und Besucher vorbereitet.
Die Programme der einzelnen Häuser sind in diesem Winter zutiefst "europäisch
", das heißt sie greifen das Thema des Berlin-Brandenburgischen Kulturjahres
auf, das sich 2003 den Wurzeln europäischer Traditionen, Sprachen,
Musik, Dichtung - kurz: europäischer Kultur - widmet. Die Namenspatronin
unseres Kontinents, eine aus der Gegend des heutigen Libanon stammende,
anmutige Königstochter, ziert deshalb auch das Titelbild des
Programmheftes zur Langen Nacht: Zeus, in Gestalt eines
weißen Stieres, entführt sie gerade nach Kreta.
Einiges ist neu an der 13. Langen Nacht - zum Beispiel die Berlinische
Galerie, die sich erstmals in ihrem zukünftigen
Domizil im ehemaligen Glaslager an der Alten Jakobstraße vorstellt,
das Landesarchiv Berlin mit seinen Magazinen und Sammlungen in einem
umgebauten Industrie-Gebäude in Wittenau oder das Umweltbundesamt, das
mit einer Kunstausstellung zum Thema "Wasser" das "Jahr der Chemie 2003"
eröffnet. Das meiste aber ist glücklicherweise unverändert.
Kühle Rechner beschaffen sich das Kombiticket zum Preis von 12 Euro
(ermäßigt 8 Euro) bereits im Vorverkauf in den beteiligten Museen, den Theaterkassen
(ohne Vorverkaufsgebühr!!), beim Full House Service, bei der Citibank
oder im Kundencenter der Berliner Zeitung, denn das Ticket schließt auch die
Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel für die An- und Abreise ein.
Bleibt noch die Frage offen,warum die "Winter-Nächte" stets ein paar
mehr Besucher anziehen als die "Sommer- Nächte". Ist es die anheimelnde
Wärme in den Häusern, ist es die frühe Dunkelheit, das verstärkte Bedürfnis
nach Gesellschaft mitten im Winter? Oder ist es einfach so wie es im letzten
Jahr eine ältere Dame formulierte, gegen Mitternacht, bei Null Grad und
anhaltendem Nieselregen, in einer langen Schlange vor der Friedrichswerderschen
Kirche: "Was woll´n Sie denn, das ist doch richtiges Museumswetter!"
Wolf Kühnelt